Shutdown…

Es war der Sonnenschein, der durch einen Spalt zwischen der Vorhängen ins Zimmer floss und sie sanft aufweckte. Langsam öffnete sie die Augen. Das weiche Kissen schenkte ihr Geborgenheit. Ihr Kopf lag darin, wie in einer großen schützenden Hand. Für einen Moment lag sie ganz still und drückte ihren Kopf ein wenig tiefer ins Kissen. Nach einigen Minuten stand sie auf.
Während der Kaffee laut pröttelnd durch die Maschine blubberte, wusch sie sich und putzte sich die Zähne. Nachdem sie sich angezogen hatte, ging sie in die Küche um Kaffee zu trinken. Alles war still. Die ganze Zeit, seit dem Aufwachen, war es still. Wie gut das tat. Vorsichtig schlürfte sie den ersten Schluck des heißen, duftenden Kaffees. Sie mochte ihn ja am liebsten mit Milch. Kaffee Latte. Cappuccino. Oder einfach Milchkaffee, ganz ordinär.
Den Kaffeebecher in beiden Händen haltend, schaute sie aus dem Fenster. Nichts bewegte sich. Kein Auto. Kein Fußgänger auf der Straße. Selbst die Blätter der Linde gegenüber hatten Pause. Nur Stille. Zwischen den parkenden Autos auf der Straße vor dem Haus stand ein verunsichertes Reh zwischen zwei parkenden Geländewagen. Unglaublich. Alles stand still. Shutdown!
Überall, im Radio, im Fernsehen und in den Zeitungen, sprachen Experten seit Wochen davon, wieder zur Normalität zurückzukehren. Ein Muss! Jetzt. Sofort. Fabriken müssen produzieren. Geschäfte müssen verkaufen. Verkehr muss rollen. Flugzeuge müssen fliegen. Wir müssen vorwärts. Weiter, Schneller, Härter. Wir brauchen Wachstum. Stillstand ist Tod. Nach dem Shutdown müssen wir das Entgangene aufholen. Den Konsum ankurbeln. Reisen. Produzieren. Da kann keine Rücksicht genommen werden. Alle Räder müssen rollen. Alle Essen müssen qualmen. Menschen sind der Treibstoff des Systems. Auf, zurück zur Normalität!
Sie lächelte still und schüttelte den Kopf, um diese wahnsinnigen Gedanken abzuwerfen. Manchmal war sie eben nicht normal, dachte sie amüsiert über sich selbst. Dann öffnete sie das Fenster. Sie füllte ihre strapazierten Lungen. Tief atmete sie die saubere Luft ein und genoss den Moment. Die warmen Sonnenstrahlen strichen über ihre Haut und sie lauschte dem wundervollen Klang der Stille. Alles war ganz normal. So, wie es sein soll.

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